Redebeitrag von Robert Jarowoy, Aktuelle Stunde Mai 2011
Gestern hat der Oberbaudirektor anlässlich eines ArchitekInnenwettbewerbs mehrfach den Geist der Aufklärung bemüht, der in Altona stets so eine große Bedeutung gehabt habe und bewahrt werden müsse. Konkret meinte er damit, hochwertigsten Wohnraum für Leute seiner Gehaltsklasse in der öffentlichen Grünanlage neben der Seefahrtsschule zu schaffen.
Nun meinte der Geist der Aufklärung im Sinne Lessings und des Armenarztes Struensee allerdings nicht, dass sich der Städtebau an den Interessen der Reichen orientieren, sondern gerade umgekehrt, dass er die öffentlichen Interessen aller Menschen bedienen sollte.
Zu diesen Interessen gehört in zunehmendem Maße eine beruflich geforderte Mobilität, die angesichts ökologischer und straßenverkehrlicher Probleme nur durch eine Verlagerung auf die Schiene gewährleistet werden kann.
Die Bundesregierung nimmt hierzu am 2.8.2010 wie folgt Stellung: „Die Attraktivität von Stationen und Strecken ist für die Kunden eine entscheidende Voraussetzung, wenn es um die Akzeptanz der Bahn als regionales und überregionales Verkehrsmittel geht.“
Durch die Verlegung des Altonaer Bahnhofes ins Industrie- und Friedhofsgebiet nördlich von Diebsteich wird diese Attraktivität und damit verbundene Akzeptanz wohl kaum zu erreichen sein.
In stadtplanerischer Hinsicht gilt es, „die Attraktivität der Personalbahnhöfe und ihres Umfeldes als Drehscheibe des Fern- und Nahverkehrs sowie als Mittelpunkt städtischen Lebens zu steigern“, nachzulesen bei Professor Meinhard von Gerkan in seinem 1997 erschienen Buch „Die Renaissance der Bahnhöfe als Nukleus (also als Keimzelle) des Städtebaus“
Nun scheint das alles weder den Bahnchef Grube noch den Hamburger Oberbaudirektor Walther zu beeindrucken, wobei letzterer noch in unzulässiger Weise die Verbindung herstellt, die gewünschte Schaffung des neuen Wohnquartiers auf dem ehemaligen Güterbahnhofgelände sei an die Schließung des jetzigen Fern- und Regionalbahnhofes gebunden, was schlicht und einfach nicht stimmt.
Aber wenn die Mächtigen das alles nicht interessiert, stellt sich die Frage, warum die Bahn, der Senat und die Parteien sich so nachhaltig gegen eine Befragung der Altonaer Bevölkerung und der Tausende PendlerInnen und anderweitigen NutzerInnen des Bahnhofes sträuben und dabei noch nicht einmal an die erwarteten zigtausend IKEA-ShopperInnen aus dem Umland denken, die doch laut Gutachten zu 40 – 60% mit der Bahn anreisen wollen.
Die Antwort ist einfach: es geht wie in Stuttgart und anderswo um wertvolles Bauland, und deshalb gilt - wie stets im Kapitalismus - der Grundsatz: private Profitinteressen vor öffentlicher Daseinsfürsorge.