"Stresemannstraßen-Punks"

Das Gelände an der Stresemannstraße/Kieler Straße hin zum Kaltenkircher Platz gehörte bis vor 10 Jahren der BMW-Niederlassung. Aufgekauft wurde es von den Osmani-Brüdern, einem aus Albanien stammenden Clan, der in Hamburg, vor allem in Bereichen des Rotlicht-Milieus, bis vor wenigen Jahren in Immobiliengeschäften äußerst aktiv war. Durch die zeitweise Inhaftierung des Clan-Chefs gerieten diese Aktivitäten ins Stocken. Das ehemalige BMW-Gelände wurde an eine Hanseatic GmbH verkauft, die behördenintern als Tarnfirma des Osmani-Clans angesehen wurde, weswegen man sich mit Bau- und anderen Genehmigungen schwer tat. Dies hatte einen weiteren Leerstand des Geländes zur Folge, das sich mittlerweile in eine Art Biotop mit Birken, Weiden und allerlei anderen Pflanzen entwickelt hatte.

Im Frühjahr 2013 begann eine Besiedlung des Geländes durch junge Obdachlose, die gemeinhin als Punks bezeichnet wurden. Es entstanden Hütten und Bauwagen von unterschiedlicher architektonischer Qualität. Im Sommer 2013 stellte die Hanseatic GmbH Strafanzeige und wollte das Gelände räumen lassen. Durch das allerdings nur kurzfristige Engagement der linken und der grünen Bürgerschaftsabgeordneten Christiane Schneider und Antje Möller wurde die Räumung zunächst verhindert. Als die Altonaer Linke dann einen runden Tisch zwischen den BewohnerInnen, der Verwaltung und der Politik einforderte, beteiligten sich daran von Seiten der Politik nur die Linke und die FDP, woraufhin sich die zunächst sehr engagierte und problemlösungsorientierte Verwaltung  wieder zurückzog.  Daraufhin setzte die Linke das Thema Ende September auf die Tagesordnung und empfahl den 'Punks', ihre Interessenlage durch persönliche Anwesenheit zum Ausdruck zu bringen. Obwohl die Bezirksversammlung wegen der Bundestagswahl und der Nutzung des Kollegiensaals als Rechenzentrum nach Lurup in das Goethe-Gymnasium ausweichen musste, erschienen ca. 60 'Punks' als Zuschauer. Nach sehr zynisch-pseudo-fürsorglichen Redebeiträgen vor allem von Seiten der SPD, aber auch CDU, FDP und Grünen, kam es zu verbalen Empörungsreaktionen, die in der Presse als "Stürmung der Bezirksversammlung durch 60 Punks" bewertet wurden. Im Sprachgebrauch einiger SPD- und Grünen- Abgeordneter wurde in einer Pause geäußert, dass die Linke das Lumpenproletariat mobilisiert habe, um die Demokratie zu stürzen.

Gleichwohl diese Veranstaltung mit hanebüchenen Unterstellungen und Anfeindungen und dem gemeinsamen Verlassen der Bezirksversammlung durch die Linken- und CDU-Abgeordneten endete, wurde im Anschluss der zuvor für nicht beachtenswert gehaltene runde Tisch nunmehr von allen Parteien und der ohnehin engagierten Verwaltung wiederbelebt.

In der Folge entstand das Angebot einer Ausweich-Unterbringung der jungen Leute in dem ehemaligen Clubhaus des Polizei-Schießvereins neben dem Altonaer Volkspark., allerdings zu sehr merkwürdigen Konditionen. Während Obdachlose im Rahmen des Winternothilfeprogramms des Senats kostenlos - z.B. in der Spaldingstraße - versorgt werden, gibt es Miet- bzw. Pachtverträge mit den bestehenden Bauwagenplätzen wie Gaußstr., Rondenbarg oder Zomia, wo die BewohnerInnen  ca. 100 - 130 Euro monatlich selber aufbringen müssen, dafür dann aber auch eine Bauwagen-kompatible Fläche zur Verfügung gestellt bekommen. Den Stresemannstraßen-Punks wird auf diesem ehemaligen Schießplatz eine gerade mal 3 qm große Fläche pro Person angeboten, zwar beheizt und mit Toiletten und Duschen, aber zusammen mit ihren Hunden eigentlich nicht nutzbar, zumal man einen engen Zaun um das Gelände gezogen hat, weil das weitere Gelände womöglich kontaminiert sei. Welche Fürsorge!

Wie das weitergehen wird, weiß ich, wie so vieles, auch nicht.

Robert Jarowoy, Frühjahr 2014