Ein MöchtegernRunderTisch im Wirklichland

Erklärung von Georg Möller, Vertreter der Bezirksfraktion DIE LINKE, zur Nichtteilnahme der LINKEN am Runden Tisch „Schanzenfest“:

"Wir wenden uns gegen den Versuch, ein unverwechselbares, weil mit Eigenleben gefülltes Fest durch massenkonforme Dosenware mit Unbedenklichkeitszertifikat der Innenbehörde zu ersetzen. Es gibt genügend Hafengeburtstage und Alstervergnügen in dieser Stadt. Es gibt zu viele unnötige Auflagen und hirnverbrannte Vorschriften, die in hohen Standgebühren münden, zu viele todlangweilige Straßenfeste die von professionellen Ständen und Markenlogos überschwemmt werden. Wir werten die Initiative zu einem „runden Tisch“ als Angriff auf alles, was das Schanzenfest in den letzten 20 Jahren ausgemacht hat!"

Dieser Erklärung von Schanzenbewohnern aus dem Herbst des vergangenen Jahres wäre eigentlich kaum etwas hinzuzufügen, außer einer Konsequenz für die heutige Veranstaltung: Aufstehen und gehen – Oder: Gar nicht erst hinsetzen lassen.

Warum wir dieser Veranstaltung fernbleiben:

1. Dies ist kein Runder Tisch, war nie als solcher geplant und kann es auch nicht sein. Historisch nicht, inhaltlich nicht und perspektivisch schon gar nicht:

• Historisch gesehen: Wikipedia, diese angeblich superschlaue Allgemeinweisheit sagt: "Ein Runder Tisch wird oft eingesetzt als symbolische Sitzordnung einer Konferenz zur Bewältigung von Krisen, in der Vertreter verschiedener Institutionen gleichberechtigt, d.h. ohne Hierarchiestufen oder Vorsitzenden, einen von allen Seiten anerkannten Kompromiss finden wollen." Irgendetwas davon erfüllt? Sehen Sie?

• Inhaltlich gesehen: Wer wissen und verstehen will, wie die Menschen hier und anderswo ticken, muss nur zuhören, mal hinlesen und die Augen aufhalten, hier ist alles schon offen und klar gesagt worden. Genau das aber hat der Bezirk vergessen oder vorsätzlich ignoriert. Verstehen Sie?

• Perspektivisch gesehen: Wenn wir Schanzenbewohner hier einen runden Tisch haben wollen oder einen brauchen, werden wir bestimmt Bescheid sagen. Haben wir aber nicht, werden wir auch nicht. Also: Gehen Sie.

2. Wer die Schanze für erledigt und überrannt hält, wer glaubt der Widerstand gegen die Verwandlung in ein Szene-Disneyland sei gebrochen, weil jetzt MacDonalds kommt, könnte sich irren. Und wer lächelnd denkt, der Widerstand sei in die Jahre gekommen, wird sich noch wundern. Pressemitteilung Ja, denn jetzt haben es die MöchtegernRambos auch mit alten penetranten Säcken und lästigen meckernden Zicken zu tun, die zwar nicht mehr so schnell auf die Beine kommen, wenn ein Wasserwerfer sie von der Strasse ballert, die aber mies und hartnäckig sind. Und wer will schon Bilder von einer einsamen Gehhilfe auf dem Schulterblatt sehen? Freut euch also nicht zu früh. Wir hier in der Schanze sind genau die "unerwünschten Begleiterscheinungen" die Ihr fürchtet und werden es bleiben. Wir lassen uns nur das gefallen was uns gefällt und das hier gefällt uns nicht.

3. Wer jetzt seine Schäfchen im Trockenen wähnt, weil er sein Parcours als Dressurreitplatz den scheinbar Mächtigen zur Verfügung stellen darf, kann schnell der Dumme sein. Wer sich hier heute freiwillig zum Trottel einer Politik machen lässt, die schon morgen diese Trottel nicht mehr braucht, weil dann ein Starbucks mehr Gläubiger bindet, als ein Jesuscenter Gläubige, wird dann unter Umständen unsanft aufwachen. Warum treffen wir uns nicht in den Mädchentreffs, den sozialen Einrichtungen für Deutsche und Migrantinnen? Vielleicht weil es sie schon gar nicht mehr gibt? Warum nicht in einer der drei Moschen über dem real, die vom Rausschmiss bedroht sind, weil dort der kleine Schuldensumpfableger der Elbphilharmonie hin soll? "Teile und herrsche" ist immer nur für die Herrscher gut gegangen.

4. Warum werden eigentlich immer vor Wahlen die Kreidefresser hyperaktiv und nach den Wahlen dürfen wir dann für die Kreide zahlen? Wir brauchen hier vor und nach den Wahlen keine GastroSanierung der Schanze in ein Erlebnisparadies für gelangweilte Großstadttouristen, sondern Lebensbedingungen die für alle lebbar und erlebbar sind, unabhängig aus welchen Teil der Erde die Schanzen-Menschen stammen.

5. Die LINKE versucht, wo immer es geht die Frage zu stellen: Wem nützt das? Das tun wir auch hier: Wem nützt dieser so genannte Runde Tisch? Wenn Sie Antworten haben, kommen Sie mit mir auf die Strasse und geben Sie sie den Schanzenbewohnern direkt, hier sehe ich wenige bis gar keine.

Hamburg-Altona, 15. April 2009

Georg Möller, 53 - Schanzenbewohner seit 19 Jahren, Ideenscout und Gewerbetreibender im Viertel, Mitglied der Spielplatz-Initiative Baschu und Bewohner der Wohnprojektes WOMMs im Sternschanzenpark.