Stadtplanung und Stadtentwicklung in Altona

von Robert Jarowoy

Von einer wirklichen Stadtplanung und Stadtentwicklung kann meines Erachtens heutzutage nicht mehr die Rede sein. Anstelle eines umfassenden Konzeptes, in das sich nach und nach die einzelnen Bauvorhaben einpassen, werden die Bebauungspläne den Investoreninteressen angepasst. Auch das sog. Konzept der innerstädtischen Verdichtung durch Aufstockungen, Innenhofbebauungen und Baulückenschließung dient allein dem ständig wachsenden Renditehunger nimmersatter Immobilienbesitzer.

Bevor ich auf die gegenwärtig in Altona bestimmenden Bauprojekte eingehe, möchte ich kurz darauf eingehen, was Stadtentwicklung in den 20er Jahren unter dem damaligen Altonaer Bausenator Gustav Oelsner bedeutete.

1923 wurde Oelsner mit der Erstellung eines „Generalsiedlungsplanes für Altona“ beauftragt. Dieser ein Jahr später von ihm vorgelegte Plan hatte den wesentlichen Inhalt der Schaffung dreier Grüngürtel in geschwunger nord-südlicher Richtung durch Altona sowie dem Aufkauf von bis dahin privaten Parkanlagen entlang der Elbe, um sie öffentlich zugängig zu machen. (Elbwanderweg von Neumühlen bis Blankenese). Seine vor allem durch die SAGA (Siedlungs-Aktiengesellschaft Altona) realisierte kommunale Wohnungsbaupolitik folgte der Maxime des Strebens  nach Licht, Luft und Farbe für Altona und seine BewohnerInnen, insbesondere die Arbeiterschaft. Der vierte Grüngürtel wurde von Oelsner nach seiner Rückkehr aus der Emigration als der heutige sog. Grünzug durch Altona Altstadt konzipiert

Während Oelsner die Gestaltungsmöglichkeiten nutzte, die sich ihm durch die Konkurse vieler privater Parkbesitzer während der Weltwirtschaftskrise oder nach dem Krieg durch die Zerstörung großer Teile des Altonaer Stadtkerns boten, haben die verschiedenen Hamburger Senate ihre Gestaltungsmöglichkeiten durch das weitgehende Verschwinden industrieller Anlagen in Altona lediglich dazu genutzt, ihre Spießgesellen aus der Immobilienbranche wie Robert Vogel, Dr. Greve, Hollmann, Bruhn oder Büll&Liedtke Bürotürme aus Glas und Beton bauen zu lassen. Die sog. Perlenkette an der Elbe zwischen Neumühlen und St. Pauli ist ein besonders trauriges Beispiel dafür, wie Stadtplanung zur Genehmigungstombola zugunsten von Investoren verkommen kann. Im Übrigen wurde diese Art der Bebauung des nördlichen Elbufers von SPD-Senaten unter Voscherau beschlossen und eingeleitet.

Zugunsten einer unbelebten charakterlosen Protzkulisse für einlaufende Kreuzfahrtschiffe wurde damit die Chance vertan, eine bunte, lebendig-durchmischte kleinteilige Bebauung mit Wohnen, Gewerbe, Kultur und Gastronomie zu schaffen, die die angrenzenden Stadtteile St. Pauli, Altona-Altstadt und Ottensen ergänzt und bereichert hätte.

Für großenteils leerstehenden Büroraum, den man, wenn überhaupt, genauso gut auf die Hafencity hätte begrenzen können, fand ein immenser Flächenverbrauch statt, der dann die Verdichtungspraxis in der o.g. Weise im Altonaer Kerngebiet  legitimieren sollte. Büroleerstand (in Hamburg insgesamt 1,2 Mio. qm) gab und gibt es in Altona allerdings schon vorher in großem Ausmaß (z.B. im Greve-Turm am Bruno-Tesch-Platz oder im Vogel-Hochhaus am Altonaer Bahnhof).

 

Einige aktuelle Bauvorhaben in Altona:

 

Neue Große Bergstraße. Hier plant die Hamburger Bruhn-Gruppe am Goetheplatz zwischen Neuer Großer Bergstraße und Großer Bergstraße Abriss und Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses, das mit dem dann gegenüber liegenden IKEA-Klotz kompatibel sein soll. Sozialer Wohnungsbau ist nicht vorgesehen. Die jetzt im Gebäude befindlichen kleinen türkischen Läden sollen verdrängt werden, was juristisch wohl auch möglich sein wird, da sie nur Zwischennutzungsverträge zu haben scheinen. Mit Blume 2000 und der Santander-Bank (ehemals SEB) sind auf Konzernebene Ausweichregelungen getroffen worden. Dass der Neubau entsprechend der 2004 im Bebauungsplan festgelegten weiter südlich verlaufenden Baulinie deutlich weiter in die Neue Große Bergstraße hineinragen wird als die jetzige Bebauung, wird den Wochenmarkt dort in Bedrängnis bringen.  Die Stadt ist aber entschlossen, die nördliche Hälfte der Fußgängerzone an Bruhn und die Eigentümer der daneben gelegenen Grundstücke zu verkaufen, sofern sie dort abreißen und neu bauen wollen.

 

Seefahrtsschule. Während die Seefahrtsschule selber im nunmehrigen Besitz des Hamburger Stararchitekten von Gerkan äußerlich nahezu unverändert bleiben soll, wird ihm bzw. seinem Partner ‚zum Ausgleich für dieses Opfer‘ westlich daneben (zum bzw. im Heine-Park) ein Stück öffentliche Grünfläche zur Verfügung gestellt, worauf ein 6geschossiger Wohnblock mit Luxuswohnungen errichtet werden soll. Eine illegale Bebauung, da sie dem geltenden Planungsrecht (öffentliche Grünfläche im Landschaftsschutzgebiet) widerspricht, aber die Baugenehmigung wurde von der Finanzbehörde beantragt und vom Bezirksamt Altona im Geheimverfahren erteilt.

 

Schleifmittel Hermes. Auf dem Großteil des ehemaligen Firmengeländes von Schleifmittel Hermes zwischen Lüttkamp und Elbgaustraße an der Luruper Hauptstraße sollen im beschleunigten Genehmigungsverfahren ohne Umweltverträglichkeitsprüfung Wohnungen gebaut werden. Das ist auf einem Gelände, auf dem Jahrzehnte lang eine Chemiefabrik produzierte und das sich direkt neben einer weiteren Chemiefabrik befindet, ziemlich skandalös. Da allerdings die daneben gelegene Fabrik DMG ihre Produktion auf einen Teil des ehemaligen Hermes-Geländes ausweiten will und diese der Bimsch (Bundesimmissionschutz)verordnung unterliegt, wird die Umweltbehörde das Vorhaben nach Prüfung der Emissionen möglicherweise noch stoppen. In diesem Fall ist auf dem Gelände ein Ganztags-Schulneubau angedacht, weil Schulen keinen Immissionsschutz genießen.

 

Sportpark Bahrenfeld. Südlich der Lyserstraße, nördlich der Baurstraße und östlich der Autobahn soll eine Anlage geschaffen werden, die mehrere Sportplätze ersetzen bzw. zusammenfassen soll, die bisher vor allem südlich der Behringstraße angesiedelt waren. Nämlich am Othmarscher Kirchenweg und am Trenknerweg. Dies und die Bauvorhaben auf diesen beiden bisherigen Sportplätzen hat die BSU unter der ehemaligen grünen Senatorin Hajduk an sich gezogen und damit der bezirklichen Planungshoheit entzogen. Für die Realisierung beider Vorhaben sollen jeweils ca. 15 Kleingarten-Parzellen wegfallen, ohne dass die in Aussicht gestellten Ersatzflächen auf dem Autobahndeckel auch nur in Sichtweite wären. Lug und Trug diesmal scheibchenweise, bevor dann der große Kündigungsreigen für sämtliche Kleingartenflächen an der Behringstraße, am Holstenkamp und vor dem Volkspark kommt. Dass es dabei nicht um die Finanzierung des Deckels, sondern allein um die Gewinnung wertvollen Baulands geht, wird deutlich in der Beantwortung einer Anfrage von uns, was mit dem Geld geschehe, das beim Verkauf des Grundstücks zwischen Tunnelmund und Paul-Ehrlich-Straße realisiert sei. Tja, das ist nicht etwa in den Sonderfond zur Finanzierung des Deckels, sondern in den allgemeinen Grundstock der Finanzbehörde geflossen, obwohl es doch noch viel näher dran an der Autobahn liegt als die Kleingärten. Dass für die Kinder und Jugendlichen, die ihren Sport bisher auf den Plätzen am Othmarscher Kirchenweg und am Trenknerweg betreiben, der Weg zum neuen Sportplatz-Zentrum über den Autobahnzubringer Behringstraße hinweg sehr viel länger und gefahrvoller wird, haben die VertreterInnen der verschiedenen Senatsbehörden lediglich mit einem Achselzucken kommentiert.

 

Bahndirektionsgebäude. Die Bahn hat ihr bisheriges und derzeit noch als solches genutzte Direktionsgebäude am Altonaer Busbahnhof/Winterstraße/Am Felde an einen geheim gehaltenen Investor verkauft. Was damit geschehen soll, wissen SPD/CDU/GAL und das Bezirksamt. Wir natürlich nicht. Das sehr gut erhaltene und technisch hervorragend ausgestatte Riesen-Gebäude würde Platz bieten für 400 Wohnungen. Der Umbau wäre noch leichter möglich als im Forumsgebäude, wo die ehemaligen SAGA-Büros mit öffentlicher Förderung z.T. als Sozialwohnungen umgestaltet wurden. Anzunehmen allerdings ist, dass der neue Investor dort ein IKEA-kompatibles Gebäude hinsetzen wird. Womöglich Möbel-Höffner, Max Bahr oder Bauhaus. Wenn Wohnungen, dann ultrateure Appartements für die StudentInnen der privaten Architekturakademie Meinrad von Gerkans und seinem chinesischen Partner in dem unter Denkmalschutz stehenden (Teil)Gebäudekomplex Am Felde.

 

Natürlich gibt es noch viele weitere skandalträchtige Bauvorhaben in Altona, aber ich will an dieser Stelle zunächst einmal einhalten und abschließend noch ein paar Worte zur Wohnungsbaupolitik der SPD, wie sie sich jetzt abzeichnet, verlieren. Im Prinzip, das geht aus dem 'Vertrag für Hamburg (zur Wohnungsbaupolitik)' hervor, den ich an anderer Stelle bereits mehrfach im Detail analysiert habe, wird die SPD nichts wesentlich anderes betreiben als schwarz-grün in den vergangenen Jahren. In den innerstädtischen Kerngebieten zum Nutzen der Eigentümer verdichten, was das Zeug hält. Aufstocken, Baulücken schließen und dabei Stück für Stück öffentliche Grünflächen reduzieren, wozu auch die Kleingärten gehören. Umwandlung der 1.300.000 qm leerstehenden Büroflächen in Wohnraum geht nicht, weil die Investoren lieber ihre Verluste abschreiben, als sich zum Umbau zwingen zu lassen, und da die SPD genauso die Handlagerpartei des Kapitals wie CDU/GAL ist, wird es eben auch nicht gemacht. Bebauung im größten zusammenhängenden Villengebiet Europas zwischen Orthmarschen und Blankenese/Rissen ist und bleibt tabu. Von sozialem Wohnungsbau wird geredet, umgesetzt wird es weder von der SAGA/GWG noch durch private Investoren, die hierzu durch städtebauliche Verträge verpflichtet werden müßten. Das einzige, was die Herzen von SPD und GAL höher schlagen lässt, ist die Minderung des Energieverbrauchs durch energetische Baumaßnahmen, an denen sich vor allem GAL-nahe Büros und Firmen dumm und dämlich verdienen. Dass die Wohnungen dadurch so teuer werden, dass sie nur noch Spitzenverdiener bezahlen können, interessiert auch die SPD nicht. Genausowenig wie die Forderung von immer mehr kleineren Gewerbetreibenden nach bezahlbaren Gewerbeflächen. Das Gegenteil wird realisiert. Geeignete Gebäudekomplexe wie das ehemalige Electrolux-Gebäude an der Holstenstraße/Max-Brauer-Allee werden planungsrechtlich im Schweinsgalopp umgewidmewt, damit Investoren dort Edel-Wohnungsbau betreiben können. Dasselbe geschieht an der Harkortstraße und erfasst derzeit die Große und die Neue Große Bergstraße.

 

Die Aufgabe DER LINKEN bleibt deshalb die Unterstützung des Kampfes derjenigen, die als BewohnerInnen oder Gewerbetreibende aus Altona vertrieben werden sollen.

 

Altona, im Juni 2011